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Essay: Wie lernen? - Wie? Lernen?

Diese Seite ist ein Versuch, vor allem den jüngeren Semestern die Erfordernisse eines Chemiestudiums von einer etwas grundsätzlicheren Warte näherzubringen. Ein langer Text ist es geworden, aber vielleicht halten Sie ja bis zum Ende durch und nehmen etwas mit!

Die Vision: Welterkenntnis

Die Überschrift klingt ein bisschen hochtrabend, aber letztlich ist es genau das, worum es geht. Das außerordentlich Faszinierende an der Chemie ist, dass sie im Querschnittsgebiet zwischen Medizin, Biologie, Materialwissenschaften und Physik steht. Mit Hilfe der Chemie können wir fast die ganze materielle Basis der Welt um uns herum verstehen. Wir verstehen genauso, wie Photosynthese funktioniert oder wie ein Virus an eine Zelle andockt, wie wir verstehen können, warum ausgerechnet Polycarbonat besonders als Material zur Herstellung von CDs geeignet ist, oder wie man einen Naturstoff mit Antitumor-Wirkung synthetisch modifiziert, um ihn noch potenter zu machen und gleichzeitig die Nebenwirkungen zu reduzieren.

Interessant ist - nebenbei bemerkt - dass es in der Chemie Dinge gibt, beispielsweise Selbstorganisationsprozesse und oszillierende Reaktionen, die Sie fast 1:1 auf viele andere Bereiche übertragen können. Wer Selbstorganisation verstanden hat, hat das Rüstzeug, auch zu verstehen, wie Ameisenstraßen zustande kommen, warum Wettervorhersagen so schwierig sind, wie Entscheidungsprozesse in einer Demokratie ablaufen und wie Massenhysterie entsteht. Es sind immer wieder die gleichen Muster. Chemie führt nicht nur zu einem Verständnis der materiellen Basis dieser Welt, sondern auch weit darüber hinaus.

Der Wissenschaftler legt die Grundlagen für Anwendungen zumindest in der akademischen Forschung. Trotzdem ist es gerade das hier gewonnene Verständnis, das auch Wissenschaftler in Firmen bei der Entwicklung der Anwendung zur Marktreife hilft. Gute Ideen brauchen eine breite Basis, und das sollte sich in der Ausbildung auch ausdrücken.

Nun ist es in der Tat aber nicht so, dass Sie gleich im ersten Semester lernen, die Welt in allen ihren Details zu verstehen. Das ist ein weiter, mitunter dorniger Weg, der im Übrigen nie abgeschlossen ist. Wer ihn mit Engagement beschreitet, wer darin Zeit und Arbeit investiert, wird aber seine tiefe Befriedigung finden. Versprochen!

Das Ziel: Der selbständige, kritische und kreative Wissenschaftler

Nach dem Bachelorstudium folgt in der Regel das Masterstudium, das mit einer sechs-monatigen wissenschaftlichen Arbeit endet, in der Sie zum letzten Mal in ihrem Leben Erfolglosigkeit zumindest in gewissen Grenzen mit Engagement und Fleiß auszugleichen vermögen. In der Chemie folgt nun fast immer die Promotion. Spätestens hier wird erwartet, dass Sie selbständig wissenschaftliche Probleme lösen und Neuland betreten. Hier steht nicht mehr ein Dozent oder ein Chef hinter Ihnen, der Ihnen sagt, was herauskommen soll. Sie sind zwar nicht auf sich ganz alleine gestellt, sondern arbeiten in der Regel im Team, aber trotzdem müssen die wesentlichen Ideen zum Fortschritt Ihres Projekts von Ihnen selbst kommen. Kreativität ist gefragt! Gemessen wird Ihr Erfolg an der Erkennnishöhe, Qualität und Quantität Ihrer wissenschaftlichen Ergebnisse. Sind die nicht da, hilft Ihnen auch ein von Fleiss geprägter Aktionismus nichts mehr!

Wenn Sie das alles (erfolgreich) hinter sich haben, bewerben Sie sich in der Industrie oder in der akademischen Welt auf Stellen, in denen Sie fast immer Führungsaufgaben wahrnehmen müssen. Hier lösen Sie nun nicht mehr nur wissenschaftliche Probleme (das auch!), sondern müssen auch noch Menschen anleiten, Projekte managen, Konflikte moderieren, Ihre Zeit effizient planen und manches mehr. In der Industrie wird Ihr Erfolg daran gemessen, wie viel Geld Ihr Arbeitgeber durch Ihre Arbeit einnimmt, abzüglich der von Ihrer Abteilung verursachten Kosten natürlich! In der akademischen Welt werden Publikationen gezählt, mit Faktoren gewichtet, die in irgendeiner Form das Interesse widerspiegeln sollen, die sie im Kollegenkreis erregt haben. Kurz gesagt: Es ist völlig egal, wo Sie arbeiten, Ihre eigene Fachkompetenz und Ihre Fähigkeit, sie in kreative Leistung umzumünzen, ist die Basis sowohl für die Wertschöpfung in Ihrer Firma als auch für Ihren Ruf in der wissenschaftlichen Welt. Das mehr oder minder Einzige, was Sie in der Chemie kaum finden werden, ist der ruhige 13,5-Stunden-Job auf der Insel der Seeligen, die sich für's Nichtstun bezahlen lassen können. Sie dürfen gern mal davon träumen, aber Träume werden selten wahr (zumindest hat es bei mir mit den Palmen am weissen, leeren Sandstrand noch nicht geklappt)...

Im Doppelpack zum Erfolg: Kreativität und Präzision

Chemie erfolgreich zu praktizieren ist sicher auch eine Kunst. Aber es gibt einen gewaltigen Unterschied zur Kunst: Ihre assoziativen Fähigkeiten sind sebstverständlich gefragt, um einer Lösung für Ihr wissenschaftliches Problem auf die Spur zu kommen (der kreative Teil). Aber dann ist logische Präzision ebenso wichtig. Wenn Sie beispielsweise einen neuen Reaktionsmechanismus postulieren, den Sie frei assoziierend aus anderen bekannten Mechanismen und einigen Experimenten abgeleitet haben, dann müssen Sie die richtigen Kontrollexperimente durchführen. Sie müssen die Vorhersagekraft Ihres neuen Mechanismus testen und andere Substrate ausprobieren. Jedes Experiment erzählt Ihnen etwas über Ihren neuen Mechanismus, aber ohne präzises Nachdenken, nur mit Kreativität stehen Sie nun nackt da. Schulen Sie Ihre Präzision durch Ihr gesamtes Studium hindurch! Wenn Unklarheiten bleiben, seien Sie hartnäckig und geben Sie sich nicht zufrieden, bevor Sie den Stoff im Detail verstanden haben. Wenn Fragen bleiben, stellen Sie sie uns, auch solche, die wir vielleicht nicht gleich beantworten können. Wir werden ja sehen, wohin uns das führt. Vielleicht entdecken wir etwas Spannendes!

Der Weg: Rekonstruktion der Konzepte der Chemie in Ihren eigenen Köpfen

Wenn aber Kreativität und Fachkompetenz so eine große Rolle spielen (natürlich neben den immer wieder so üppig beschworenen "soft skills"): Wie gelangen Sie dahin?

Sie müssen die Konzepte der Chemie verinnerlichen. Sie müssen das Theorie-Gebäude der Chemie in Ihren Köpfen rekonstruieren! Neues kann nur schaffen, wer das Alte kennt. Sie können Ihr Haus nur umbauen, wenn Sie eine genaue Kenntnis der Statik-Pläne haben. Sonst gehen Sie die Gefahr ein, dass es beim Umbau zusammenfällt.

Sie werden merken, dass Sie während Ihres Bachelor-Studiums vor allem Wissen reproduzieren und Konzepte, die Sie gelernt haben, auf Ihnen unbekannte, aber in der Regel wohluntersuchte Fälle anwenden. Die Reproduktion ist nur der erste Schritt; viel wichtiger ist die Fähigkeit zur Transferleistung auf Ihnen unbekannte Fälle. Dass Ihre Dozenten in der Regel wohluntersuchte Fälle anbieten, hat den Hintergrund, dass Sie sich anschließend testen können. Haben Sie mit Ihren Überlegungen richtig gelegen? Wenn nicht, dann gehen Sie zurück auf Los und fragen sich kritisch, warum Sie falsch lagen!

Im Masterstudium werden Sie dann mehr und mehr mit ungelösten wissenschaftlichen Problemen konfrontiert. Sie arbeiten in Forschungspraktika zusammen mit den Doktoranden oder Postdocs des Instituts an einem Problem, dessen Lösung in der Regel auch der Arbeitsgruppenleiter nicht kennt (obwohl er in den meisten Fällen eine gute Vorstellung davon hat, wie man sich der Lösung nähern könnte). Und zur Masterarbeit stehen Sie plötzlich selbst da und dürfen sich beweisen. Das ist auf der einen Seite extrem spannend, aber auf der anderen Seite unempfehlenswert frustrierend für Sie, wenn Sie nicht dafür gesorgt haben, dass Sie mit der perfektesten aller Ausbildungen in dieses Abenteuer hineinstolpern.

Mal konkret: Was heisst das für Ihr Studium?

Sie müssen unbedingt darauf achten, dass Sie folgende Fertigkeiten so weit nur irgend möglich entwickeln:

Selbststudium: Eigeninitiative ist gefragt!

Wenn Sie sich diese Liste ansehen, werden Sie sofort bemerken, dass darunter Fähigkeiten sind, die Übung verlangen. Sie finden retrosynthetisch den richtigen Syntheseweg nicht, wenn Sie nicht zweihundertdreiundsiebzig Mal an immer wieder neuen Molekülen geübt haben. Andere Fertigkeiten setzten eine gewisse Automatisierung voraus, beispielsweise das Strukturelemente-Erkennen. Sie müssen oft genug gesehen haben, dass ein bestimmtes Strukturelement eine bestimmte Reaktivität nach sich zieht und siehe da, beim nächsten unbekannten Molekül sehen Sie das, ohne nachzudenken.

Diese Automatisierung bedarf der wiederholten Übung! Diese Leistung müssen Sie selbst erbringen! Ihre Dozenten können lediglich beitragen, indem Sie Ihnen intellektuell anspruchsvolle Übungsaufgaben geben, aber diese Hürde überspringen müssen Sie selbst. Eigeninitiative ist gefragt! Sie sind für Ihre Ausbildung zu allererst selbst verantwortlich.

Speziell an die jüngeren Semester: Sie sind hier nicht mehr auf der Schule. Niemand schaut Ihre Hausaufgaben nach und es malt auch keiner Bienchen unter besonders schöne Ausarbeitungen! Sie sind erwachsen und wir erwarten, dass Sie sich auch so benehmen. Ziele setzen Sie sich selbst! Ihre Klausuren bestehen Sie, weil Sie sich Ihre Ziele hoch genug gesteckt haben. Und wenn Sie Ihre Klausuren versaubeuteln, dann tragen Sie ganz allein die Konsequenzen. Sie haben die freie Wahl, wie Sie es halten wollen, aber es gibt auch niemanden mehr, der Sie im Falle des Scheiterns aus der Jauchegrube zieht! Diese Zeilen schreibe ich vor allem, weil ich immer wieder und in jüngerer Zeit vermehrt von der Wohlstandsgesellschaft allzu verwöhnte Semester mit "Trag-mir-den-Arsch-nach!"-Haltung unterrichten durfte (glauben Sie mir, das törnt auch den Dozenten ab!). Selbst wenn ich das also tun wollte, Ihnen bringt das gar nichts, weil Sie das Gebäude, das in Ihrem Kopf entstehen soll, nur selbst bauen können. Wenn Sie dafür nicht motiviert genug sind, suchen Sie sich zum eigenen Besten einen anderen Beruf, den Sie mit Herzblut betreiben wollen!

Noch einmal kontret: Was tun?

Verstehen heisst, anderen genau erklären zu können, was Sie verstanden haben wollen. Sie müssen das Verstandene mindestens so geordnet reproduzieren können, dass es andere auch verstehen. Das heisst, das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden, die Gedanken logisch aufzubauen, sich der Grundlagen bewusst zu sein.

Bitte verfallen Sie nicht dem Irrtum, das Gefühl des Verstehens, das Sie beim Lesen von Lehrbüchern haben, sei schon das Verständnis selbst. Es ist der pure schöne Schein und Sie belügen sich - wenn Sie nicht ein Genie im goetheschen Sinne sind - aller Wahrscheinlichkeit nach selbst. Damit haben Sie gar nichts gewonnen. Sie können ja einfach mal den Test machen: Lesen Sie ein Kapitel aus irgendeinem Lehrbuch, das Sie noch nicht kennen und legen Sie dann das Lehrbuch weg. Schreiben Sie nun eine geordnete Kurzdarstellung des Gelernten. Merken Sie worauf ich hinaus will?

Das bringt uns direkt zum Thema "Schreiben". Ist unmodern geworden wie lesen, weiss ich. Ich warte immer noch auf die Erstauflage eines "Lehrhörbuchs" (oder "Hörlehrbuchs"?). Aber der Akt des Schreibens an sich ist von unschätzbarem Wert. Sie nehmen Dinge nicht nur mit dem Bildgedächtnis auf. Beim Schreiben aktivieren Sie auch ihr Bewegungsgedächtnis. Schreiben nimmt Zeit in Anspruch, in der Sie ihre Gedanken ordnen, das Wesentliche herausdestillieren. Der größere Aufwand zwingt Sie dazu, präzise und knapp zu sein. Schreiben ist gleichzeitig Reproduktion und der Test, ob Sie den Stoff verstanden haben. Also: Machen Sie Exzerpte! In meiner Studienzeit hatten wir fast alle einen heute befremdlich altmodisch anmutenden Karteikasten, der ausgesprochen wirkungsvoll ist und ihnen zeigt, wie ihr Wissen wächst. Machen Sie zu jedem Thema oder Stichwort eine Karteikarte. Oder, wenn Ihnen das zu öde erscheint, dann denken Sie sich selbst eine gute Lösung aus.

Testen Sie sich doch einfach. Lernen Sie zunächst allein für sich aus ihren Büchern. Wenn Sie glauben, dass Sie fit genug sind, treffen Sie sich mit Ihren Mitstudierenden zu einer Lerngruppe und fragen sich gegenseitig Dinge, die Sie noch nicht verstanden haben oder in denen Sie sich unsicher sind. Sie werden sich wundern, wie weit diese Diskussion Sie trägt! Widmen Sie sich Übungsaufgaben, egal woher sie kommen: Aus Büchern, vom Dozenten, aus alten Klausuren! Gehen Sie viele Aufgaben durch. Wie Sie oben lesen können, geht es auch um Automatisierung und Befestigung Ihres Wissens durch Wiederholung. Hier haben Sie die Möglichkeit dazu!

Und schließlich noch ein Kommentar zu: "Hab ich in nur drei Tagen für die Klausur gelernt und danach gleich wieder vergessen". So etwas höre ich manchmal auf dem Weg in die Mensa. Tut mir leid, aber das ist schlicht Dummheit! Ich denke, mehr brauche ich dazu nicht zu sagen. Die Hochschulrektorenkonferenz nennt das "Bulimie-Lernen": Vollstopfen bis zur Klausur, alles auskotzen und danach lieber ganz schnell vergessen. Jedem vernünftigen Menschen wird klar sein, dass das für den weiteren Studienverlauf und ihr späteres Berufsleben die denkbar schlechteste Taktik ist.

Aber etwas anderes können wir da herausholen: Verstehen und lernen geht am einfachsten, wenn Sie die Wissensinseln in Ihrem Kopf miteinander verknüpfen. Strukturieren Sie Ihr Wissen und fügen Sie neues Wissen in diese Struktur ein. Scheuen Sie sich nicht, Schubladen zu machen, aber seien Sie bereit, die Schubladen zu verfeinern, wenn Neues dazukommt. Dann haben Sie ein flexibles gedankliches Gerüst, das Ihnen das Lernen leicht macht. Und Sie vergessen nicht alles drei Tage nach der Klausur wieder, weil Sie Ihr neues Wissen gleich mit dem alten verknüpft haben.

Ihr Arbeitsaufwand: Chemie ist ein hartes Brot!

Wenn Sie das alles aufmerksam gelesen haben, wird Ihnen nicht entgangen sein, dass Sie ein anstrengendes Studium gewählt haben. Rechnen Sie einmal mit:

30 LP pro Semester, jeder LP zählt für 30 Stunden Arbeit. Das macht zusammen 900 Stunden pro Semester. Im Schnitt hat ein Semester 15 Wochen (WS: 16, SS: 14). Also sind das 60 Wochenstunden. Da Sie sich in den vorangegangenen Semestern noch nicht richtig klar hierüber waren, müssen Sie jetzt noch reichlich Stoff nachholen, also sind es locker 65 Wochenstunden Arbeitsleistung, die wir Ihnen abverlangen. Leider können Sie nicht sehr viel davon in die Semesterferien verlegen, so dass Sie im Semester also richtig ranklotzen müssen!

Oder drehen wir den Spiess einmal um: Für eine Vorlesung von 4 SWS (z.B. OC I) gibt es 6 LP, also 6*30 = 180 Arbeitsstunden. Verteilen Sie das einmal auf 15 Wochen. Dann haben Sie 12 Arbeitsstunden pro Woche in eine 4-stündige Vorlesung zu investieren. Vier davon sitzen Sie in der Vorlesung. Bleiben acht Stunden übrig (ok, sieben, ich habe die Übung unterschlagen), in denen wir Dozenten beten und hoffen, dass Sie die Vorlesung nach- und die Übungen vorbereiten. Sie sehen, was ich mit Eigenleistung meinte? Das ist der Hauptanteil! Arbeiten Sie nicht gründlich nach und fallen in der Klausur durch, beklagen Sie sich bitte nachher nicht. Ihre Freiheit, sich gegen die Nacharbeit zu entscheiden, ist gleichzeitig auch Ihre Verantwortung, Ihre Sache gut zu machen. Auf welche Weise Sie das tun, ist ganz allein Ihre Entscheidung - nur gut muss es werden!

Aber sehen Sie es doch einmal so: Wenn Sie so viel investieren, dann blicken Sie am Ende des Semesters auf eine ganze Sammlung erfolgreich bestandener Klausuren, auf die Sie mit Recht stolz sein dürfen. Es ist Ihre ganz eigene Arbeitsleistung, die den Erfolg gebracht hat. Und es sind ja, wenn wir ehrlich sind, gar nicht die Klausuren, die Sie mit Zufriedenheit erfüllen. Es ist vielmehr die Tatsache, dass Sie innerlich spüren, wie viel Sie dazu gelernt haben!

Sie kennen diese Erfahrung nicht? Ich meine die, dass Sie eine Hürde überwunden haben, die Ihnen anfangs unendlich hoch erschien und die Ihnen jetzt, wo Sie drüber weg sind, unendliche Befriedigung vermittelt, weil Sie es doch geschafft haben? Dann sollten Sie sich bei Ihren Eltern und Lehrern bedanken, die Ihnen diese Erfahrung verweigert haben, indem sie Ihnen allzu viel Bequemlichkeit gestattet haben! Schade dann, aber geben Sie die Hoffnung nicht auf! Sie sind ja nun erwachsen genug, um das in Ihrem Studium umso bewusster nachzuholen!

Das motiviert Sie alles nicht?

Ich war erstaunt, als mir das in einer meiner Vorlesungen nach Lektüre dieses Essays in einer älteren Version gesagt wurde! Wieso eigentlich nicht? Wer hierdurch nicht motiviert wird, gehe zurück auf Los, ziehe keine 4.000,- Euro ein und lese noch einmal die Vision am Anfang dieses Traktats! Erwarten Sie nicht, dass Ihnen alles zufällt. Lernen kann, muss aber nicht Spaß machen; echtes Lernen ist harte Arbeit. Hier haben Ihre Lehrer Ihnen in Ihrer Jugend etwas vorgegaukelt und Sie haben sich betrügen lassen, weil das so viel einfacher war. Und Ihre Eltern haben kräftig mitgeholfen, alles nach dem Motto: Dä Jung sollet ma besser ham! Das einzige, was dabei regelmäßig heraus kommt, sind junge Menschen in einer ihrer tiefsten Selbstfindungskrisen, die nicht wissen, wohin sie wollen, ein Schnupperstudium beginnen, sich für nichts klar entscheiden und deswegen auch keine Initiative entwickeln. Das kann keinen Spaß machen! Der Spaß kommt, wenn Sie viel gelernt haben und sich an Ihren neu hinzugewonnenen Fähigkeiten erfreuen. Die Befriedigung kommt, nachdem Sie bereit waren, genug Arbeit hineinzustecken, um eigenständig Probleme zu finden und zu lösen. Der Mensch ist immer glücklich, wenn er intensiv an etwas arbeitet und anschließend die Früchte ernten kann.

Vielleicht vertrauen Sie wenigstens für einen kurzen Moment der Lebenserfahrung eines langsam alternden Herrn wie mir: Es ist nahezu egal, was Sie machen. Wenn Sie es nur gut machen, werden Sie es als Befriedigung erleben. Es ist eigentlich gar nicht so wichtig, ob wir an irgendeinem Punkt im Leben mal eine falsche Entscheidung getroffen haben - zum Beispiel bei der Wahl des Studienfachs. Solange Sie die Herausforderungen annehmen, die auf Sie zukommen, kann es eigentlich keine Fehlentscheidung werden. Aber annehmen müssen Sie sie. Wenn Sie das nicht bereit sind zu tun, können Sie wählen, was immer Sie wollen - und werden überall scheitern. Der entscheidende Punkt ist nicht so sehr, ob das Fach perfekt zu Ihren Interessen passt, sondern wesentlich Ihre innere Einstellung zu Ihrer Wahl!

Betrachten Sie auch noch einmal die Liste der Fertigkeiten oben und fragen Sie einmal nicht nur: "Was soll ich denn noch alles tun?" Sehen Sie sie stattdessen einmal unter dem Aspekt "Mann, hier lerne ich ordentlich was!". Sie müssen nur den Schalter in Ihren Köpfen auf "Investition in die Zukunft" umlegen. Wenn Sie Ihr Studium aktiv mit Engagement und eigener Initiative absolvieren, haben Sie beste Chancen, später einen Beruf auszuüben, der Sie intellektuell fordern wird. Sie haben nicht nur die Aussicht auf gute Gehälter in der chemischen Industrie, sondern - und das ist viel wichtiger - auf ein Höchstmaß an innerer Zufriedenheit mit Ihrem Job. Nicht viele können behaupten, ein ausgefülltes Leben gelebt zu haben. Neben der Beruhigung aller Ihrer Arbeitsplatzsorgen, die Sie durch ein gutes Studium eindämmen können, ist das doch wohl Motivation pur, oder nicht?

Noten und Scheitern, Freiheit und Verantwortung: Ein Kommentar

Sie sollen selbständige Wissenschaftler werden? Dann gehört dazu ganz integral auch die Erfahrung des Scheiterns! Ja, richtig gehört. Nur: Aus dieser Erfahrung sollten Sie die richtigen Schlüsse ziehen. Das heisst: Niemand kreidet es Ihnen an, wenn Sie durch eine Klausur einmal durchfallen. Das hat auch keinerlei Konsequenzen für Ihre Note. Sie bekommen gratis und ohne Voreingenommenheit die Möglichkeit, Ihr Scheitern auszubügeln. Und wenn Sie das schaffen, zählt nur die Wiederholungsklausur und niemand interessiert mehr, dass Sie bei der ersten Klausur durchgefallen waren. Aber: Ihr Scheitern in der ersten Klausur offenbart natürlich, dass Sie noch erhebliche Lücken in der Beherrschung des Stoffs haben. Sie sollten an dieser Stelle mit Realismus reagieren und sich Ihr Scheitern eingestehen. Nur dann ist Besserung in Sicht. Die richtige Konsequenz zu ziehen, heisst dann ganz offensichtlich zu lernen und die Wiederholungsklausur umso besser vorzubereiten. Mehrfaches Scheitern aus Trägheit wird selbstverständlich geahndet: Sie sammeln Maluspunkte!

In der Mensa liegen immer so bunt gefärbte Zettel mit der Forderung nach einem selbstbestimmten Studium drauf. Recht so! Ich unterschreibe das sofort! Aber es gibt einen ziemlich großen Haken, der den in der Regel geisteswissenschaftlich geschulten Zettelmachern nicht bewusst ist: Ihnen sollte klar sein, dass Freiheit und Verantwortung schon immer ein altes zänkisches Ehepaar waren. Freiheit gibt es nur mit Verantwortung. Die Freiheit, Ihr Studium selbst zu bestimmen, bedingt automatisch und absolut unabänderlich, dass Sie auch die Verantwortung dafür tragen, dass Sie was Ordentliches draus machen. Sie sehen ja selbst, was die Politik macht, wenn zu viele die Freiheiten für sich reklamieren, aber zu wenige der damit verbundenen Verantwortung gerecht werden wollen. Dann bekommen Sie Schule reloaded, oder vornehmer ausgedrückt: ein Bachelor/Master-Studium. Und jeder, der Ihnen einen Teil Ihrer Verantwortung abnimmt, stiehlt Ihnen auch ein Stückchen Freiheit. Zu sehr hat sich ein Freiheitsbegriff eingeschlichen, der uns nicht gut tut, nämlich die Annahme, Freiheit sei Freiheit VON etwas. Richtig wäre, zu sagen, Freiheit sei Freiheit ZU etwas. Denken Sie mal drüber nach!

Zu Noten: Ich verweise gerne auf Heiko Mells Karriereberatung (Link oben rechts auf dieser Seite!). Das ist zwar eine Seite für Ingenieure, aber Sie können vieles davon nahtlos auf die Chemie übertragen. Da gibt es einen Kommentar zum Thema "Noteninflation" (Probieren Sie es in der Suchmaske mit "Frage Nr. 1812"). Ein "Gut" wird von vielen Arbeitgebern gelesen als "hat die Grundzüge seines Fachs gerade so irgendwie verstanden". Das ist in der Chemie nicht sehr viel anders als bei den Ingenieuren. Also ist Ihr Ziel klar: Sie wollen überall Einsen und keine Zweien!

Und nur noch ein kleiner Tipp: Befragen Sie Herrn Mell (bzw. seine Datenbank) doch einmal zum Thema Studienzeiten (Fragen Nr. 1429, 1715, 2069, 2070)!

Klassenkampf: Böser Dozent gegen den armen, aber herzensguten Studierenden?

Schminken Sie sich das gleich von vorneherein ab! Ich kann sicher nicht für alle sprechen, aber der Normalfall ist, dass Ihre Dozenten vor allem ein Interesse an guten Mitarbeitern haben. Sie sind die Mitarbeiter der Zukunft. Also werden Ihre Dozenten in erster Linie daran interessiert sein, Sie gut auszubilden. Es gibt keinen Grund anzunehmen, wir wollten Sie quälen und zwingen Sie deswegen zum Auswendiglernen von pKa-Werten. Wir vertrauen darauf, dass Sie ein Studienfach gewählt haben, das Ihren Interessen entspricht und das Sie mit Freude betreiben. Im Gegenzug dürfen Sie darauf vertrauen, dass Ihre Dozenten sich Mühe geben, Ihnen einen Weg aufzuzeigen, der Sie zu einer guten Ausbildung führt. Und wenn das einmal nicht der Fall sein sollte, gilt das oben gesagte: Mit ein bisschen mehr Eigeninitiative reissen Sie das locker wieder raus.

 

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eigentlich eine wöchentliche Kolumne für Ingenieure in den VDI-Nachrichten, aber auch für angehende Chemiker sehr empfehlenswert
also: einfach einmal ein paar Datenbank-Einträge ausprobieren und genießen!

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