Mit diesem Seminar werden mehrere Ziele verfolgt. Im Vordergrund steht natürlich die organische Chemie mit ihren Modellen, Theorien und Konzepten. Anhand einer Reihe von Themen aus verschiedenen Teilgebieten der organischen Chemie - Reaktionsmechanistik, Analytik, Synthese, Funktionsmoleküle etc. - sollen die Denkweisen des organischen Chemikers herausgearbeitet werden. Das Hauptgewicht soll auf der Darstellung der entscheidenden konzeptionellen Ideen liegen.
Das zweite Ziel ist das Training des Vortragens selbst, ein Aspekt, der im Studium traditionell eher zu kurz kommt. Wie baut man die Argumentationslinie geschickt auf, ohne Vorwissen vorauszusetzen? Wo kann man sinnvoll vereinfachen, ohne an Präzision zu verlieren? Welche Details darf man weglassen, ohne die grundlegenden Ideen und Konzepte zu entstellen? Wie kann man das Gesagte geschickt in eingängige Grafiken umsetzen? Wie bewegt man sich beim Vortrag? Wie wählt man die richtige (Fach-)Sprache?
Einige der Themen eignen sich dafür besser als andere, aber grundsätzlich ist es nicht unsinnig, die historische Entwicklung einer Idee zu beleuchten. Auch wenn das nicht der Schwerpunkt des Vortrags werden soll, ist die Frage wichtig, aus welchem Modell die gegenwärtig gültige Theorie hervorgegangen ist, auf welchen impliziten aus der Geschichte kommenden Annahmen sie basiert. Eine solche Darstellung ermahnt den Wissenschaftler deswegen zu einer kritischen Haltung seiner eigenen Forschung gegenüber, weil ihm vor Augen geführt wird, daß Modelle, Theorien und Konzepte vergänglich sind und immer nur von beschränkter Gültigkeit sein werden. In die Seminarvorträge darf und soll eine kritische Haltung gegenüber dem Vortragsthema einfließen; Diskussionen im Anschluß an die Vorträge sind ausdrücklich erwünscht.
Eine der Haupttätigkeiten eines Forschungschemikers unabhängig von seiner Anstellung in der chemischen Industrie oder an einer Universität ist das Lesen (und, wenn auch seltener: das Schreiben) von Fachliteratur. Die Chemie ist im Gegensatz zu anderen Wissenschaften in der glücklichen Lage, über ausgezeichnete Registerwerke (Chemical Abstracts, Beilstein/Gmelin, Houben-Weyl, etc.) zu verfügen, in denen das gesamte Wissen der Chemie unter verschiedenen Aspekten aufgefunden werden kann. Die Suche nach geeigneter Literatur ist manchmal mühsam und zeitaufwendig, aber der Umgang mit den erwähnten Registern wird mit wachsender Routine leichter und schneller gehen.
Der größte Teil der Chemieliteratur wird in englischer Sprache publiziert; fast alle wichtigen Chemiejournale erscheinen auf Englisch. Das Lesen englischer Fachliteratur ist für Studierende nach dem Vordiplom vermutlich etwas ungewohnt (wem ging das nicht so?), aber man liest sich schnell ein, umso schneller, je mehr man sich am Anfang "durchbeißt".
Von den Teilnehmern am Seminar wird erwartet, daß sie selbständig Literatur zu ihrem Thema suchen und auswerten, wodurch ein Beitrag geleistet werden soll, die Literatursuche einzuüben. Als Hilfestellung werden unten zu jedem angebotenen Thema jeweils einige Referenzen angegeben; ein Einstieg in die jeweilige Literatur wird dadurch erleichtert, entbindet den Vortragenden aber nicht von der Aufgabe, vor allem in der neuesten Literatur nach weiteren Artikeln zu suchen. Empfehlenswert ist natürlich auch, insbesondere die klassischen Quellen für Übersichten auf verwertbare Literatur durchzusehen: Chemical Reviews, Chemical Society Reviews, Angewandte Chemie, Chemistry - A European Journal und Chemie in unserer Zeit. Eine ausgezeichnete Möglichkeit bietet auch der Scientific Citation Index, der ab 1993 auch online verfügbar ist und die Stichwort- und Autorensuche sehr vereinfacht (Im Auswahlfeld ganz oben auf der Seite "ISI Web of Science" auswählen und "go" klicken).
Der Vortrag im Seminar dient als Leistungsnachweis für die Vorlesung "Konzepte in der Organischen Chemie". Die Länge des Vortrags soll etwa 30 bis 40 Minuten betragen. Formale Anforderungen sind (i) das Halten des Vortrags und (ii) die Vorbereitung einer schriftlichen Kurzzusammenfassung des Vortrags mit Literaturangaben. Die Zusammenfassung muß am Vortragstermin vorliegen und soll für alle anderen Teilnehmer kopiert werden und damit bei der Vorbereitung auf Prüfungen vor allem den Einstieg in die Literatur zu den jeweiligen Themen ermöglichen. Es wird Wert gelegt auf korrekte Zitierweise. Sie kann zum Beispiel der ersten Ausgabe eines jeden Jahres der Angewandten Chemie entnommen werden ("Instructions for Authors"). In der Regel werden Zeitschriftenartikel zitiert durch Angabe der Autoren, des abgekürzten Zeitschriftentitels (kursiv), des Erscheinungsjahres (fett), der Bandnummer (kursiv) und der Seitenzahl. Zitate von Büchern müssen enthalten die Autoren, den Titel, Auflage, bei mehrbändigen Werken die Bandnummer, den Verlag, den Verlagsort und das Jahr. Herausgeber werden in der deutschen Zitationsweise hinter den Titel gestellt und mit "Hrsg." gekennzeichnet. Diese Punkte müssen erfüllt sein, damit die erfolgreiche Teilnahme bescheinigt werden kann. Anwesenheitspflicht besteht außer in begründeten Ausnahmefällen (Krankheit etc.) für alle Seminarteilnehmer.
Neben diesen formalen Anforderungen ist wichtig: Die Qualität des Seminars wird selbstredend durch die Qualität der Vorträge getragen. Die meisten Themen sind anspruchsvoll und stellen hoffentlich intellektuelle Hürden dar, deren Meisterung Interesse weckt und einen Motivationsschub bewirkt, sich mit der organischen Chemie auseinanderzusetzen. Die meiste Wirkung entfalten Vorträge, bei denen man die Begeisterung des Vortragenden für sein Thema spürt; das Zuhören macht Spaß, und die Veranstaltung wird ein Erfolg.
Die am Ende dieser Seite angegebenen Themen stehen zur freien Auswahl. Die Liste gibt außerdem einige Stichworte zur Vorabinformation, in welche Richtung der Vortrag zielt. Um sicherzustellen, daß im Seminar jedes der Gebiete der Organischen Chemie vertreten ist, kann es jedoch sein, daß es Themenänderungen geben muß (zum Beispiel wenn alle Themen zur Reaktionsmechanistik vergeben sind, aber niemand ein synthetisches Thema gewählt hat). Der Zeitplan zum jeweiligen Seminar wird am Semesteranfang aufgestellt. Die Stellung des Themas in der folgenden Liste sagt nichts darüber aus, wann der Vortrag gehalten werden muß.
Jeder Vortragende wird bei der Vorbereitung betreut. Als Angebot besteht die Möglichkeit, vor der Vorbereitung abzusprechen, was in etwa der Umfang des Vortrags sein sollte. Es ist empfehlenswert, etwa eine Woche vor dem Vortrag (bei den ersten Vorträgen im Semester notgedrungen kurzfristiger) nochmal das Konzept durchzudiskutieren. Wenn wirklich etwas grob schiefgelaufen sein sollte, gibt es dann noch genug Zeit zu Veränderungen. Bitte also die Zeitplanung so abstimmen, daß nicht am Tag vorher das große Chaos ausbricht!
Was ist eine Potentialenergie-Hyperfläche? Wo verläuft die Reaktionskoordinate? Beispiel: H2 + H gibt H + H2, Erweiterung auf mehratomige Systeme, der Zusammenhang von Schwingungsspektren und Hyperflächen, imaginäre Schwingungen als Kennzeichen von Übergangsstrukturen
Mechanistische Vorstellungen von Cytochrom P-450 katalysierten Reaktionen: Rebound-Mechanismus, Isotopeneffekte, radical clocks, Oxenmechanismus, Prinzip der Spinerhaltung, two state reactivity mit Spinumkehr
Begriffliche Abgenzung: konzertierte, synchrone, stufenweise Reaktionen, Trajektorienmodell, Energieverteilung innerhalb eines Moleküls, Verfeinerung des statischen Modells der Potentialenergiehyperfläche durch dynamische Effekte, deren theoretische Vorhersage, die Ableitung eines Experiments aus der theoretischen Vorhersage, das Experiment
Auf der Carpenter-Homepage stehen mehrere animierte Filme von typischen Reaktionsverläufen zum Downloaden zur Verfügung (evtl. Präsentation mit Beamer)
Die Bestimmung von Aktivierungsenergie und -entropie, Definition: Aktivierungsvolumen, Meßprinzip, Vergleich von Temperatur- und Druckabhängigen Messungen, Elektrostriktion
Geschichtliche Entwicklung des Begriffs der Aromatizität von der Phänomenologie des Geruchs zur Elektronenstrukturtheorie, Kriterien für Aromatizität und deren Gültigkeit, Hückel-MO-Schema für aromatische und antiaromatische Systeme, Singulett/Triplett-Cyclobutadien, Cyclooctatetraen, isoelektronische Beziehung zwischen B5H9 und C5H5+, Jahn-Teller-Theorem, Antiaromaten als Übergangsstrukturen, through-space- (Homobenzen) und in-plane- (Pagodan-Dikation) Aromatizität
Prinzip der Erhaltung der Orbitalsymmetrie, Aufstellen von Korrelationsdiagrammen für je eine erlaubte und eine verbotene pericyclische Reaktion, Ableitung der Grenzorbitaltheorie daraus, Nachweis der Gültigkeit anhand von Stereochemie etc.
Was sind "eingeschnürte Übergangszustände?", Vergleich mit pericyclischen Reaktionen, Topologie und Symmetrie, Regeln zur Vorhersage, Mechanismus, Stereochemie
Synthons, typische Retrosyntheseschritte, ein schönes Beispiel für eine Totalsynthese mit vorhergehender retrosynthetischer Zerlegung
Prinzip darstellen, Beispiele: Grignard, Benzoinkondensation, Thiazoliumsalze und deren Bedeutung in biochemischen Prozessen, z.B. Pyruvatdehydrogenase-Multienzymkomplex, Decarboxylierung von Aminosäuren
PTC flüssig-flüssig und fest-flüssig mit typischen Katalysatoren: Kronenether, Tetraalkylammoniumsalze, Prinzip erläutern, perflouorierte Lösemittel im Zweiphasensystem organisch-fluoriert, ihr Nutzen in der Reinigung, z.B. Abtrennung von Homogenkatalysatoren mit perfluorierten Liganden
Definition "Templat", Beispiele: Kronenether, Synthese von Catenanen, Rotaxanen und Knoten (Sauvage/Stoddart/Vögtle)
Das Prinzip, Einteilung der Domino-Reaktionen in Klassen, einige schöne Beispiele für Synthesen mit Dominoreaktionen
Singulett-, Triplett-Zustände, Erzeugung der Singulettzustände, Reaktivität, Herbstfarben, Glühwürmchen
Vorteile von Synthesen an der festen Phase am Beispiel der Merrifield-Peptidsynthese, Vergleich: Festphase - Hochverdünnung beim Ringschluß mittelgroßer Ringe, Bedingungen für eine gute Schutzgruppe, Beispiele
Prinzip der Wirkstoffsuche mit kombinatorischer Chemie, kombinatorische Chemie an fester Phase, Tagging, molekulare Diversität, kombinatorische Chemie in flüssiger Phase
Abhängigkeit der Reaktivität von der Struktur und Größe der Metallcluster (einzelnes Atom - Cluster - Oberfläche), Erzeugung hochaktiver Metalle, Reaktivität
alpha- und beta-Effekt der Elemente aus der dritten Periode, Silylschutzgruppen, Silylenolether, Peterson-Olefinierung und einige ausgewählte schöne Beispiele
Darstellung der alten und neuen Naturstoffsynthese von Strychnin, Syntheseplanung, Schlüsselschritte etc.
Barton-Reaktion, Focus auf: Wie erreicht man Selektivität mit reaktiven Radikalen?
Kurzbeschreibung des Prinzips der Anregung von Molekülen im UV/VIS, elektronische Übergänge, Chromophore, Absorptions-/Emissionsspektroskopie, Energie-/Elektronentransfers z.B. in Ru/Os-Komplexen (FRET), cis/trans-Isomerisierungen in Stilben und Azobenzen oder andere schöne Beispiele für präparative Anwendungen
Biotische und abiotische Theorien zur Ausbildung der Asymmetrie in der Natur (L-Aminosäuren, D-Zucker), statistische Fluktuation mit Autokatalyse, Chiralitätsinduktion durch Elementarteilchen?
Sharpless-Epoxidierung, -Dihydroxylierung, und Jacobson-Epoxidierung als prominente Vertreter der asymmetrischen Katalyse
Was sind nicht-lineare Effekte in der asymmetrischen Katalyse? Modelle zu ihrer Beschreibung, einige schöne Beispiele
Wie kann man Radikalreaktionen stereoselektiv machen? Problem: C-zentrierte Radikalzentren sind sp2-hybridisiert
Moleküle und Graphentheorie, Topologie, topologische Chiralität am Beispiel von Catenanen und Rotaxanen
Methoden: CD-Spektroskopie, wie entsteht circular bzw. linear polarisiertes Licht, der Ursprung der Drehung des Lichts beim Durchgang durch chirale Substanzen
Norbornyl-, Methylcyclopropylkation, mono- und diprotoniertes Methan, Ethylendikation, Orbitalmodelle, Struktur, Eigenschaften
Li2CF2-Rechnungen, Zr/Al-Verbindungen, Fenestrane
C60: Entdeckung, Herstellung, Euler-Regel, endohedrale Komplexe, Nachweis der Aromatizität, Beispiele für Chemie an Fullerenen
Absolute Aciditäts- und Basizitätsskalen, Messprinzipien, Doppel-Minimum-Potential, energetische Verhältnisse im Hochvakuum
NRMS-Prinzip, vertikale Übergänge, Franck-Condon-Faktoren, Wasseroxid, Synergieeffekte zwischen Experiment und Theorie, Barton-Reaktion
Matrixisolationstechnik, Synergieeffekte zwischen Experiment und Theorie, IR, Didehydrobenzen, Dioxiran, Tetrahedran
Prinzip der Femtosekundenspektroskopie, Meßapparatur skizzieren, Beispiele, die Frage, ob die Diels-Alder-Reaktion und andere Cycloadditionen tatsächlich konzertiert verlaufen könnte hier als Beispiel dienen
Zur Frage nach konzertierten oder schrittweise verlaufenden Cycloadditionen, siehe (nicht ganz einfach!):
Cram-Carceranden, Prinzip der Präorganisation, Stabilisierung reaktiver Intermediate, Rebek-Kapseln, Selbstkomplementarität, dynamischer Gast-Einschluß, Entropie- und Enthalpieeffekte, chirale Kapseln, Katalyse von Diels-Alder-Reaktionen im Inneren, evtl. wasserstoffverbrückte Polymere und deren Materialeigenschaften
DNA-Replikation, RNA-Welt, Selbstreplikation von Oligonucleotiden, Peptiden und organischen Minimalsystemen, kinetische Analyse, Prionproteine: Selbstreplikation von Konformationen
Catenane, Rotaxane als Schalter, molecular shuttles, lichtgetriebene Maschinen, logische Funktionen durch Fluoreszenzlöschung oder Pseudorotaxanein- und ausfädelung
Radioimmunoassays: Funktionsweise und Verwendung, Nachteile, Europium-Luminiszenz, zeitaufgelöste Luminiszenzspektroskopie, Antennenmoleküle, Anforderungen für Nutzung als Immunoassay
Bindung von Anionen mit Rezeptoren über nicht-kovalente Komplexe, Kurzdiskussion der nicht-kovalenten Wechselwirkungen, Bindung in Wasser und anderen polaren Lösemitteln
Aufbauprinzip, divergente und konvergente Synthesestrategie, Beispiele für Denrimere und ihre Eigenschaften (z.B. photochemische, Wirt-Gast etc.)
Warum organische Synthese mit Enzymen? Vorteile, Nachteile, Chemie in Wasser, Stabilität von Enzymen in organischen Lösungsmitteln, Stereochemie, einige schöne Beispiele
Das Prinzip, Übergangszustandsanaloga, Herstellung von monoklonalen Antikörpern, Beispiele
Peptidbindung, Primär, Sekundär-, Tertiär- und Quartärstruktur von Proteinen, Helixbündel, hydrophobe und hydrophile Seitenketten, Strukturaufklärung
Das natürliche Photosynthesesystem, Antennenchlorophyll, Theorie des Elektronentransfers, Marcus-Gleichung, inverser Bereich, Lebensdauer ladungsgetrennter Zustände, der Aufbau eines Protonengradienten zur Erzeugung eines Membranpotentials